La Gomera im November 2010
Bericht eines Wiederholungstäters:
Schöner wohnen ….
schöner schlafen …
schöner aufwachen …
schöner frühstücken …
schöner abhängen ...
… nun schon zum dritten Mal bei Elke und Michael in Hermigua – www.jansen-gomera.de
Tag 1
Mit den Hühnern brechen wir auf gen Flughafen Köln-Bonn. Noch nix los! Wir sind eine der ersten am Germanwings Check-In (Folge davon ...- sh. unten). Wir freuen uns auf „nur“ vier Stunden Flug in den ewigen Frühling. Alles läuft wie am Schnürchen. Die Reihen 2 bis 26 werden als erstes aufgrufen. Puh! Das verschafft uns einen hinreichenden Abstand zu einer Gruppe niederländischer Nachbarn mit durchsickernden Pampersrockern. Wir freuen uns, dieses Kapitel erfolgreich hinter uns gelassen zu haben und genießen, dass unsere Brut uns mittlerweile bequem zum Flughafen fahren kann. Wir bewundern die Geduld und das Gedächtsnisvermögen des Flugbegleiters; er ist in der Lage mindestens ein halbes Dutzend unterschiedlicher Picknick-Voucher auseinanderzuhalten und fragt jeden Passagiert freundlich verbindlich nach seinem Reiseveranstalter. Dabei kommt er kaum merklich voran, und wir fragen uns, ob wir jemals in den Genuss des vom Starkoch Holger Stromberg eigens für diese Fluggesellschaft designten und besonders bekömmlichen Baguette-Brötchens mit Käse und Schwarzkümmel kommen werden, als der Flugbegleiter zum Mikro greift und zumindest alle Schau-ins-Land-Passagiere auffordert, doch bitte ihre Picknick-Voucher bereit zu halten. Wir
landen pünktlich und haben noch viel Zeit bis die Fähre ablegt. Daher macht es uns auch nichts aus, dass unsere Koffer die letzten auf dem Laufband sind (sh. oben). Weil wir noch immer ausreichend Zeit haben, um zum Hafen zu kommen, entscheiden wir uns für den Bus. Dass wir schlecht recherchiert haben, erfahren wir, als wir aus Los Christianos wieder raus ins Inselinnere fahren. Wir steigen – irgendwo – wieder aus und nehmen den nächsten Bus zurück nach Los Christianos.
Im Zentrum steigen wir aus und pflügen
uns mit unserem Gepäck durch die Affenhitze Richtung Hafen. Wie
jedesmal versetzt uns das doch recht differenzierte
Urlaubsverständnis anderer deutlich in Erstaunen
Entsetzen. Durch eine Matrix aus Fress- und Sauftempeln, Souvenir-
und Badeshops, Boutiquen, vielen nackerten (dicken) Bäuchen und
schrägen Vögeln arbeiten wir uns vor.
Am Hafen haben wir die Wahl zwischen der kleinen und der großen Fred.Olsen-Fähre. Die See ist glatt, und wir entscheiden uns für den kleinen Benchi-Express. Leider kann man weder rausgehen noch gut rausschauen. Aus dem Gomera-Forum erfahren wir kurz darauf, dass sich am darauffolgenden Tag 80 % der Fahrgäste ihr Frühstück nochmals haben durch den Kopf gehen lassen.
Am Hafen von San Sebastian wartet auf uns ein blauer Fiat Punto - wie immer von Rosi's Autovermietung. Als erstes suchen wir am Wagen das Licht (für Insider); denn nach bereits wenigen Kilometern Fahrt kommen die ersten Tunnel. Als zweites beschließen wir, gleich morgen früh zu Rosi zu fahren, um die Gebühr zu entrichten und den Grund für das Aufleuchten der Warnlampe zu klären.
Abends gehen wir essen im fußläufig erreichbaren El-Silbo. Eines der wenigen Restaurants in Hermigua, das man weiterempfehlen kann. Hier kann man gut Pizza essen; die einheimischen Gerichte sind in aller Regel recht fettig. Auf dem Rückweg zum Haus finden wir auf der Straße einen gestrauchelten Sturmtaucher, der wegen der abendlichen Straßenbeleuchtung die Orientierung verloren hat. Inzwischen ein wenig routiniert in einer solchen Situation stülpt Gerdi ihm eine Jacke über und bringt ihn aus der Gefahrenzone.
Tag 2
Als erstes steuern wir Rosi's Mietwagen-Office in Hermigua an. Nach einer Viertelstunde verlassen wir unverrichteter Dinge das Hinterhofbüro, da außer der ebenfalls ratlosten Postbotin leider niemand kommt und beschließen, später nochmal vorbeizukommen. Die Postbotin beschießt dasselbe; nur, dass wir länger durchgehalten haben.
Zum Warmwerden wandern wir die im ADAC-Wanderführer mit 2 Stunden ausgewiesene Strecke von Hermigua in die Bucht von La Caleta. Sowohl der Weg dorthin als auch das Ziel selbst sind immer wieder einen Besuch wert (http://www.macondo-la-gomera.com/).
Den Rück-Aufstieg bekommen wir „geschenkt“: Auf dem asphaltierten Anstieg zurück nach Hermigua werden wir von Landsleuten (aus Niederkassel Lülsdorf/Ranzel – Hammer!!!!) abgepflückt und bequem bis vor die Haustür geschaukelt. Die somit halbierte Laufzeit plus unvorhergesehener Zwischenmahlzeit im „Macondo“ versauen bereits am ersten Wandertag den Schnitt zwischen Kalorienzufuhr und Kalorienverbrauch. Morgen wird’s besser!
Da wir noch so viel Zeit haben, fahren wir nochmal bei Rosi vorbei. Mist, wir haben vergessen zu googeln, was Warnlampe auf spanisch oder englisch heißt. Egal, kriegen wir hin mit Händen und Füßen. Diesmal haben wir Glück; Rosi ist da! Leider hat sich in all den Jahren keiner von uns sprachentechnisch weiterentwickelt. Wir sprechen nach wie vor kein spanisch und Rosi noch immer kein Wort englisch. Daher verläuft unser Gespräch recht schlicht. Rosi: „Contrato?“ Wir: „Si!“ Die Vertragslaufzeit klären wir phantomimisch und mit Draufzeigen am Kalender. Das Finanzielle klärt sich dann auch ganz easy.
Wir: „Visa?“ Rosi: „Si!“ Rosi verheddert sich mit ihrem Drehstuhl in einem so noch nie gesehenen Kabelwust und bekommt dadurch keine Online-Verbindung für den elektronischen Zahlungsverkehr über Kreditkarte. Ich bekomme gerade noch das Telefon zu fassen, das zwischenzeitlich auch Teil des Kabelsalates geworden ist. Die Vokabeln „bar“ und „cash“ beenden das Desaster. Wir verzichten auf die Lösung des Rätsels um die Warnlampe, besorgen uns im Supermercado noch eine freundliche gekühlte Dorade und genießen den Rest des Tages auf der Terrasse.
Die Dorade:
Tag 3
Wir gehen direkt in die Vollen mit der „großen Hermigua-Runde“. Wir erhöhen direkt Spannung und Schwierigkeitsgrad der Tour durch debiles Liegenlassen der Wanderstöcke im schönen Wohnzimmer. Dem Vorbild der heimischen Bergziege folgend schrauben wir uns staunend und schwatzend die wunderbare Landschaft hinauf, solange bis wir den Weg mit der gelb-weißen Markierung endgültig aus den Augen verlieren. Herrlich! Den vorausgeschickten Horrorszenarien von Elke und Michael führe ich (heimlich) eine Taschenlampe mit, die es mir auch in scheinbar aussichtslosen Lagen ermöglichen wird, den Weg nach Hause zu finden. Eher scherzhaft nach einer Taschenlampe fragend gestehe ich meinem Mann das Mitführen des Leuchtkörpers ein. Nach nur wenigen verschenkten Kilometern erreichen wir überraschend den im Wanderführer genannten Steinkreis und ich bekomme endlich die schon mehrfach verweigerte Picknick-Pause und einen gigantischen Ausblick.
Wir bermerken, dass wir uns durch diese Abweichung der Wanderroute einen nicht unerheblichen Anstieg erspart haben und kehren zielsicher zurück auf den markierten Rückweg. Dies scheint eine eher spärlich frequentierte Strecke zu sein, denn der Bewuchs des letzten Drittels der Wanderstrecke nimmt stetig zu. Wie Frodo und Sam auf dem Weg nach Mordor kämpfen wir uns über schmale Pfade entlang der Berge in Richtung Silberwald. Dieser Teil der Strecke endet blutig. Von allen Seiten hängen Brombeerdornen herab; die Mücken tuen ihr Übriges. Tolle Strecke!
Tag 4
Wider Erwarten kein Wundenlecken nach der Wanderung vom Vortag; kein nennenswerter Muskelkater, nur Mückenstiche und Kratzwunden. Gute Grundvoraussetzung für den heutigen Tag, denn ich begleite Elke zur wöchentlichenYoga-Gruppe. Wir gehen in den heraubschauenden Hund, begrüßen die Sonne und viele Muskeln meines Körpers, und ich ziehe etwas mein Holzbein hinterher (doch noch Folgen von gestern) als uns die Kursleiterin bittet, den rechten Fuß auf der Höhe der rechten Schulter zu platzieren. Weitere Details des Kurses stelle ich mit Rücksicht auf noch lebende Personen lieber nicht online.
Des Weiteren an
diesem Tag: Brandung gucken in Pescante. Atemberaubend!
Danach: Strunzen im Valle!
Tag 5
Mal wieder Zeit für eine „echte“ Wanderung! Ziel: Barranco del Santiago. Ausgangspunkt: Imada; eine „Von-oben-nach-unten-und-zurück-Wanderung“ der absoluten Spitzenklasse! Einziger Haken: falsches Vertrauen in den Rother Wanderführer mit einer geschätzten Laufzeit von 3 Std. 40 Min. („Räum die Pfeife weg!“). Aufregen ist allerdings an dieser Stelle verschwendete Energie, denn sonst schaffst Du den Aufstieg nachher nicht. Reg' Dich später darüber auf, wenn Du wieder oben bist – dafür aber umso heftiger. Diese böswillige Täuschung beansprucht dann auch fast das ganze Spektrum mir zur Verfügung stehender Kraftausdrücke. Der ADAC-Wanderführer schätzt dieselbe Strecke mit 5 Std. weitaus realistischer ein.
Wir genießen eine sehr abwechselungsreiche Wanderung mit sehr vielfältigen landschaftlichen Eindrücken - beginnend und endend mit schmucken Obstgärten von unglaublicher Vielfältigkeit. Der Weg dazwischen ist einstweilen etwas abenteuerlich, da eng und steinig. Für den Abstieg braucht man schon eine gewisse Trittsicherheit. Die Sorge hinsichtlich der im Reiseführer erwähnten notwendigen Schwindelfreiheit, war zum Glück unbegründet.
Die Schlucht von Guarimiar: ein Traum!
Mein Trauma dann jedoch: der Aufstieg zurück! 500 Höhenmeter steil bergauf. Die Zeit läuft uns davon; ein absolut schweißtreibender Aufstieg. Das Wasser wird knapp. Für Insider: Vor einer solchen Wanderung unbedingt Verträglichkeit auf Guaven testen! Die bedrohliche Vorstellung, die Nacht in der Wand verbringen zu müssen, motiviert mich gerade noch ausreichend, den Kamm zu überqueren, obwohl ich mir schon vorstelle, einfach dort sitzen zu bleiben. Der Weg nach oben scheint endlos zu sein. Aber hin und wieder trifft man nette Leute …
… und, wenn die das schaffen, schaffen wir das auch.
Und auch bei dieser Wanderung erhöhen wir nochmals den Schwierigkeitsgrad durch plötzlichen Wegverlust. Getrieben durch ungebrochenen Siegeswillen „kürzen wir ab“ und pflügen uns durch einen Kakteen-Wald, schnurgerade den in der Ferne gesichteten Wegweisern entgegen. Versagen wäre äußerst schmerzhaft.
Mittlerweile im Zustand „salopper Katatonie“ (sh. Prof. Dr. Abdul Nachtigaller aus dem Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebenung) quäle ich mich dem Kamm entgegen – Gerdi motiviert mich fortwährend mit „gleich sind wir oben“ tapfer vorweg dem Ziel entgegen. Das Erreichen des Gipfels kam gefühlsmäßig der ersten Mondlandung gleich. Mit einem Siegesschrei empfange ich die ersehnte geteerte Straße. Die Euphorie weicht aber ganz schnell der Ernüchterung weiterer bevorstehender 7 bis 8 Kilometer bis zum Parkplatz. Die nächst gelegene Ortschaft ist und bleibt Alajero; erst danach kommt Imada. Mehrfache Versuche, sich das Ziel und die Situation schön bzw. näher zu reden scheitern am rationalen Widerstand meines Mannes.
In mir wächst der Zweifel, das Ziel jemals vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. Dann die Rettung! Ein Taxi auf Leerfahrt! Allein die Kraft meines Blickes läßt den Fahrer ungehend halten und erspart uns die letzten geschätzten 5 km zurück zum Parkplatz in Imada.
Tag 6
Alles halb so schlimm! Der Schmerz von gestern hält sich in Grenzen und se geht schon wieder! Wir wählen jedoch nur eine kleinere Tour von Caleta nach St. Lorenzo. Eine wunderschöner Kontourenlauf entlang der Berge mit faszinierenden Aussichten auf's Meer! Die Strecke mutet gemessen an den vorher gemachten Touren einem beschaulichen Spaziergang an. Sehr gefällige Strecke mit Mega-Panorama! Auf dem Rückweg bleibt man das unweigerlich wieder bei Roberto im Macondo kleben. Aber: Es gibt Schlimmeres! Genießt ruhig ein bis drei seiner Köstlichkeiten und die schöne Aussicht; danach kriegt Ihr Euren Hintern sowieso nicht mehr hoch.
Tag 7
Nichts! Niente! Nada! Nothing! Im Basis-Lager Sonne auf den Brelz pennen lassen! Halbzeit im Hause Bohli. Morgen geht’s weiter mit Beschäfte gummeln in Vueltas!
Tag 8
Kotzstrecke ins Valle. Ich kenne keine kurvenreichere Strecke als die nach Valle Gran Rey.
Ich bin froh, endlich aussteigen zu dürfen. In mir keimen Besatzer-Gefühle. Im Geheimen zähle ich alle deutschen Bundesländer nochmal durch und komme immer wieder auf 17 oder 18 – je nachdem, ob man Malle auch noch mitzählt oder nicht. Ich frage mich, wie die Gomeros wohl über diese Präsenz denken und bewundere deren Toleranz. Ein Deutscher gehört sogar schon der Insel-Regierung an.
Bereits in der ersten Boutique wird sächsisch gesprochen. Auch in den darauffolgenden Geschäften erwarte ich spanisch vergeblich. In der Gastronomie ist das Gott sei Dank anders. Dieses Feld haben die Deutschen noch nicht vollständig okkupiert. Diese Tatsache ist allerdings nicht durchweg positiv, denn: gomerisch essen heißt in aller Regel auch, sich eine Menge Kalorien auf die Hüften zu tackern. Deshalb lassen wir dann auch den Wagen in Gran Rey stehen und wackeln zu Fuß zum Essen nach Vueltas. Die richtig interessanten Restaurants öffnen allerdings erst am Abend. Daher gibt’s heute Couscous in unserer Stamm-Bar.
Die im Valle zu schießende Beute ist nach wie vor eher asiatischer oder afrikanischer Herkunft, vornehmlich jedoch indisch oder aus der heimischen Kreativ-Schmiede deutscher Auswanderer; feilgeboten eben von denselbigen.
Ein Dinkelbrot und eine Maisstange im Gepäck verlassen wir das Valle und machen uns über Chipude auf den Weg nach Santiago. Auf dem Weg dorthin passieren wir zahllose vom Regen eiskalt überraschte Wandertouristen. Gomera scheint komplett in Wolken zu liegen, und es kübelt wie aus Eimern. Nur die beiden altbekannten Sonnen-Enklaven Santiago und das Valle bleiben mal wieder verschont.
Santiago
zeichnen m. E. nur zwei Highlights aus: das schöne Wetter (nur 10
Regentage im Jahresdurchschnitt) und Don Tomate. Sonst gibt es nichts
Besonderes hier. Daher trinken wir hier auch nur einen Kaffee
korrigiere: braunes Wasser mit 1 m Schlagsahne oben drauf und machen
uns dann wieder vom Acker.
Tag 9
Müßiggang ist aller Laster Anfang. Aufgrund der sich drastisch gebesserten Großwetterlage steht heute die Wanderroute durch das Tal von La Laja auf dem Programm; im Wanderführer treffend als eine der Toptouren ausgewiesen.
Ich widme diesen Tag dem Reiseschaf, das ich beim Packen meines Rucksackes heute morgen im Tran auf dem Bett habe sitzen lassen. „Schäfchen! Heute habe ich leider kein Foto für Dich!“ Ich kassiere demütig den ersten Tadel meines Mannes für meine morgendliche Unaufgeräumtheit. Kurz darauf schlägt er mir eine Fotomontage vor: „Merkt doch keiner, wenn wir das Schaf einfach an anderer Stelle fotografieren und dann später einfügen!“ Nee, merken würde es keiner – außer das Schaf selbst natürlich. Wir verwerfen diese arglistige Täuschung sogleich wieder und beginnen am Mirador Degollada de Peraza den Abstieg ins Tal.
Zum Glück haben wir diesmal nur das Schaf vergessen und nicht die Wanderstöcke. Der steinerne Camino ist noch sehr nass vom Vortag und somit mega rutschig. Daher geht es zunächst auch nur sehr langsam voran. Laufen und gucken gleichzeitig geht gar nicht. Die Aussicht jedoch ist vom ersten bis zum letzten Meter einfach überwältigend. Zerrissen wird diese Idylle dann aber leider durch bereits aus der Ferne wahrzunehmende übelst schwadronierende Mitwanderer. Zwei unaufhaltsam plappernde Spanierinnen lassen wir dann bereitwillig im Tal passieren. Im Zuge dessen schließen dann auch die Meyers auf.
Dass es die Meyers sind, wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber bereits nach der ersten Begrüßung ernenne ich ihn (völlig vorurteilsfrei) zum Generaldirektor (ad) und seine Frau zu seinem willenlosen Werkzeug. Für die anderen beiden finde ich so schnell keine passende Schublade. Auch diese vier lassen wir kurz vor La Laja vorbeiziehen und verweilen einen Moment und genießen die Gunst eines kleinen Kätzchens, das offensichtlich darauf hofft, für eine kleine Kuscheleinheit noch eine essbare Gegenleistung zu erhalten. Da sie das professionell mit Wanderern machen zu scheint, überwinde ich mich und behalte auf Anraten meines Mannes mein Lunchpaket für mich selbst. Er hat recht; sie ist gut im Futter und peilt auch schon die nächsten nachrückenden Wanderer an. Zwei Mitvierziger wieseln auch noch an uns vorbei.
In sicherem Abstand beginnen auch wir den Aufstieg. Es geht durch den Wald, und überall riecht es lecker nach Kiefernharz. Der Boden ist weich und dicht bedeckt mit Kiefernnadeln. Herrlich!
Es dauert nicht lange, da haben wir die Meyers auch schon wieder eingeholt. In einer Kehre wird sich im Schatten etwas nackig gemacht: Herr Meyer entblöst seinen Oberkörper und Frau Meyer bekommt den unteren Teil ihrer Trecking-Hose abmontiert. Für den lockeren Spruch mit dem „nackig machen“ kassiere ich vom Generaldirektor meinen zweiten Tadel des Tages. Noch Minuten später echauffiert er sich heftigst über meine Einschätzung seiner Garderobe. Erst dann wird mir bewußt, dass er ja als Generaldirektor im tiefsten Herzen Kravattenträger sein muss und ich einer hierarchischen Grenzüberschreitung schuldig gemacht habe. Also gebe ich nun Gas und bezahle meinen Fehler schon nach wenigen hundert Metern mit akuter Atemnot. Dennoch versuche ich Schritt zu halten mit dem Tempo meines Mannes. Auch er scheint auf der Flucht zu sein.
Ich kann nicht mehr; ich muss mich ausruhen. Der Vortrag des Generaldirektors über die Beschaffentheit und den Fortlauf des Wanderweges dringen wieder bedrohlich an mein Ohr. Ich bin schön völlig pissed, mich mit 43 von einer Herde Rentner überholen zu lassen und finde sofort eine Menge Ausreden dafür, dass die besser in Form sind als ich. Die haben schließlich viel mehr seit für so was zu üben. Wir sitzen schließlich jeden Tag zwischen 8 und 12 Stunden unserer wertvollen Lebenszeit als Büro-Leiche hinterm Laptop ab.
Nach einer weiteren Pause auf einer wunderschönen Lichtung gelingt uns letztendlich dann doch noch die Flucht. An dieser Stelle werden die Meyers überhaupt erst zu den Meyers, als ich den begleitenden Mann noch sagen höre: „Was machen wir denn jetzt nur mit den Meyers? Die sitzen doch lieber im Schatten?“. Erst jetzt hat der Generaldirektor einen Namen. Wie bei einer sich selbst erfüllenden Prophezeihung packte seine Frau die Frühstückseier aus, die sie im Hotel hat kochen lassen. Alles gut verpackt in Tupper. Herr Meyer hatte sich abgesetzt und an das andere deutsch-sprachige Paar angedogged, das uns so behende überholt hatte. Durch seinen – nennen wir es Informationshunger erfahre ich dann auch, dass das vorbeiwieselnde Pärchen von vorhin aus dem Engadin stammt und hauptberuflich den Ski-Marathon organisiert und aus der Physiotherapie kommt, was umgehend meine mangelnde Fitness relativiert.
Wir genießen den Rest des Aufstieges durch eine vielfältige Landschaft. Dem herrlich duftenden Kiefernwald mit zum Teil wenig vertrauenserweckenden kleinen Brücken und umgestürzten Bäumen schließt sich kurzfristig eine sehr dürre Strecke an, wo gar nichts zu gedeihen scheint. Danach betreten wir einen kleinen Zauberwald mit niedrigen Lorbeerbäumchen und Dingenssträuchern, die ich noch nachschlagen muss; alles mit dickem kuschlig weichem Moos bedeckt.
Oben am Mirador wieder angekommen raten wir einem interessierten deutschen Ehepaar um ca. 14:30 von eben derselben Tour ab und empfehlen, diese lieber auf morgen zu verschieben. „Wichtrud“ aber kennt keine Gnade und bricht das Gespräch mit uns nach dieser Auskunft sofort ab, um keine Zeit zu verlieren. „Dann gehen wir die Strecke eben nur zur Hälfte. Los, komm!“ Aus der Ferne winken wir den Meyers noch zum Abschied und fahren dann wieder „nach Hause“. Schön war's Schäfchen!
Tag 10
Wanderpause – Käffchen und shoppen in San Sebastian für gemütlichen Grill-Abend auf der Terrasse.
Tag 11
Nochmal der Sonne entgegen ins Valle.
Tag 12
Die Rote Wand von Agulo! Mit Erfurcht blicke ich die steile Wand nach oben. Eben noch haben wir uns beklagt, dass die Sonne hinter einer dichten Wolkendecke verschwindet. Dann sind wir froh darüber. Dieser Anstieg hat es in sich; gefühlte 45° nach oben. Nach nur wenigen Minuten geht mir schon mächtig die Pumpe. Es ist schwül, und es fällt mir schwer zu glauben, dass ich jemals oben ankommen werde. Eine kleine Herde teutonischer Eso-Schnecken schnattert an uns vorbei. Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen; weiter – reiß Dich zusammen Frau Bohl! Nach und nach wird Agulo kleiner; wieder alles von Märklin, hä? Ca. auf halber Höhe steht der erste Eukalyptusbaum; es soll nicht der letzte bleiben; herrlich – wie das duftet. Oben angekommen erschließt sich eine atemberaubende Aussicht. Es gibt kleine verlassene Höfe und ein Wasserreservoire, mit Moos bewachsene Palmen und gigantische Feiguskackten. Wir wiegen den Breg wechts ab in den Wald hinein mit Marschrichtung Hermigua. Es wird schwierig, den gelb-weißen Hinweisstreifen aus dem Wanderführer zu folgen; denn alles ist sehr zugewachsen und die Hinweise manchmal ganz gut versteckt. Zweifel macht sich breit; ist das noch der Weg? Wir verdrängen diesen Gedanken; der Kurs läßt sich sicherlich noch korrigieren; die grobe Richtung stimmt. Es sind nur so verdammt viele Büsche und Steine zwischen uns und Hermigua. Einen Absturz und etliche Kratz- und Schnittwunden weiter entschließen wir uns dann doch zur Umkehr. Es hat keinen Zweck. Irgendwann finden wir dann auch die verlassenen Terrassenfelder, die wir hätten durchqueren sollen. Noch einmal geht es bergauf, aber wieder entlohnt die Aussicht. Leider sind auch hier die Hinweise wieder schlecht zu finden; doch dieses Mal entscheiden wir uns spontan für den richtigen Weg. Anderen geht es ähnlich, und wir können nun helfen. Wieder säumen zahlreiche Eukalyptusbäume den Weg; sehr imposant!
Nach einer kleinen Rast machen wir uns auf den Rückweg. Der hat es genauso in sich wie der Aufstieg; viel Geröll und mega-steil. Dies ist definitiv die letzte Große Tour für diesen Urlaub. Die Performance läßt spürbar nach. An den seitlichen Felsen befanden sich mal Seile zum Festhalten. Die Führungen sind noch da; der Rest fehlt. Gott sei Dank haben wir unsere Stöcker dabei; denn manchmal fehlt ein Stück im Weg. Hinter einer Wegbiegung liegt es Tierkadaver. Dieses Schaf hat es leider nicht geschafft; vermutlich ist es abgestürzt. Wir beflügeln uns nochmal mit dem Gedanken an eine gekühlte Dorade bei Pedro im Casa Creativa. Langsam wächst das kleine Märklin-Dorf wieder auf normale Größe an und wir treten wieder ein in die Zivilisation. Wir erreichen den äußersten Rand von Hermigua, aber das Zentrum ist noch sehr weit entfernt. Wir treffen das Ehepaar wieder, das uns auf dem Gipfel begegnet war; sie zeigen uns eine Abkürzung durch's Dorf zwischen den Häusern hindurch. Unter Schmerzen erreichen wir das Casa Creativa. Nach einer „Heil“-Dorade brechen wir auf zur Finca. Was für ein fulminanter Schluss-Akt!
Tag 13
Nach der Tour von gestern läßt der Bewegungsapparat heute keine großen Sprünge zu. Wir fahren nach San Sebastian. Dort soll heute ein Kreuzfahrtschiff vor Anker liegen. Schon von Weitem erkennen wir die Aufschrift Tui „Mein Schiff“. Beim Näherkommen verdeutlichen sich weitere kitschige Schriftzüge des Rumpfes wie z. B.: Meeresrauschen, Gastfreundschaft, fliegende Fische, fremde Länder, Traumstrände u.v.a.m. Bemüht, darauf nicht auszurutschen genießen wir Kreuzfahrer-TV im Hafen, am Kay, in den Straßen, den Cafes … Es ist unglaublich wie busy das sonst so beschauliche San Sebastian plötzlich daherkommt. Rund 2.800 Passagiere verleihen dem sonst eher gemütlichen Ort ein geschäftiges Treiben. Auf dem Marktplatz wurden eigens für dieses Ereignis Verkaufsstände errichtet, in denen man überwiegend das kaufen kann, was für Kreuzfahrer aufgrund der Kürze des Aufenthaltes sonst unerreicht geblieben wäre (sh. oben Tag 8, dritter Absatz). Zum Glück konnten aber auch ein paar Einheimische mit echten lokalen Produkten partizipieren. Zumindest auf dem Marktplatz wird die Siesta heute ausnahmsweise mal ausgesetzt.
Wir steigen die Kay-Mauer herauf, um das Kreuzfahrtschiff aus der Nähe zu betrachten. „Das Treppen teigen stut noch weh?“ „Oh ja, das stut es.“
Noch einmal schlendern wir durch die nun so belebte Einkaufsmeile, um noch ein zwei Tage zuvor in der Siesta ausgemachtes „Salida“-Schnäppchen zu machen. Lieber noch mal schnell anprobieren, ob es denn auch wirklich passt! Dialog aus der Nachbarkabine:
Sie: Bin ich dafür nicht schon zu alt?
Er: Ist ein bißchen eng?!
Sie: Eng???!!!! Das ist STRETCH! Str-ä-ä-ä-tsch!
Außerdem will ich ja noch abnehmen!
Er: Wann denn?
Sie: Das ist nicht eng; das ist Str-ä-ä-ä-tsch!. Ich nehm' das jetzt!
Ein schöner Tag!
Tag14
Abreise! Aufbruch mit den Hühnern um 6:00 Uhr; die Fähre legt früh ab. Die Rückfahrt machen wir mit der großen Fred.Olsen-Fähre und sehen kurz vor Los Christianos sogar noch ein paar Pilotwale und Delfine. Schön! Dann schieben wir uns – genau wie wir gekommen sind – wieder mit unserem Gepäck durch Los Christianos, das noch sehr verschlafen wirkt. Wir nehmen wieder den Bus. Diesmal wissen wir, wie der Hase läuft. Da macht uns keiner mehr was vor! Alles läuft wie geschmiert. Und dann wird es doch noch spannend. Ein ebenfalls abreisender Landsmann räumt unser Gepäck wieder aus dem Bust, damit seines noch reinpasst! Wir sind fassungslos! Nach einem kleinen Handgemenge gibt er auf und kommt der Empfehlung des Busfahrers nach, seine Koffer doch einfach auf er gegenüberliegenden Seite vom Bus im Kofferraum zu verstauen.
Wir tanken die letzten Sonnenstrahlen vor dem Flughafen Teneriffa Süd. Dann geht es zurück in die kalte Heimat!
Wieder ein schöner Urlaub auf der Insel der Beknackten! Wir sind uns ganz sicher; wir kommen wieder - irgendwann!
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